Kurzgeschichte ''Zwei Leben''
Alexander
Schultz und Patrick Hartmann
Alexander
Schultz, geboren am 21.8.1986 in Eisenhut, stand ängstlich in der
Tür des großen Kindergartens.
Seine
Mutter sprach gerade mit der Erzieherin, als ein etwas größerer
Junge auf Alex zukam: "Hi, ich heiße Patrick.
Ich
bin auch ziemlich neu im Kindi, aber hier ist es voll cool.
Komm!"
Schüchtern
folgte Alexander dem anderen Jungen.
Wenig
später saßen die beiden glücklich in der Spielecke und spielten mit
dem Bauernhof.
In
der Pause rannte Patrick gleich hinter den Schuppen, wo sein
Geheimversteck war, das nur er kannte.
Heute
nahm er aber Alex mit und zeigte es ihm.
Alexander
war begeistert.
Nachmittags
wurden die Kinder von ihren Eltern abgeholt.
Als
Patrick in den Porsche zu seinem Vater einstieg, sah er Alex, wie er
mit seiner Mutter davon lief.
Irgendwie
hatte die Frau einen traurigen, müden Blick.
Jeden
Tag spielten jetzt Alexander und Patrick zusammen und wurden die
besten Freunde.
Als
Patrick einmal Alexander nach Hause begleitete, wunderte er sich über
das kleine Haus, in dem Alex wohnte.
Im
Gegensatz dazu war sein Haus ja ein richtiges Schloss.
Er
machte sich darüber aber keine weiteren Gedanken.
Schon
bald war der Winter da und es schneite jeden Tag.
Die
ganze Landschaft hatte jetzt ein dickes, weißes Kleid.
Voller
Freude ging Patrick in den Kindergarten.
"Weißt
du was?", fragte er Alex: "Heute gehe ich Schlittenfahren.
Willst
du mitkommen?"
Alexanders
Augen leuchteten.
Er
hatte schon letztes Jahr den Kindern zugeschaut, die fröhlich am
großen Hang rodelten.
Davon
konnte er nur träumen.
Und
jetzt?
Heute
dauerte der Kindergarten aber wieder lang!
Alex
und Patrick konnten es fast nicht mehr aushalten.
Überpünktlich
stand Alex vor Patricks Haustür.
Es
war bereits Nachmittag und der Schnee glänzte in der Sonne.
Alexander
fror.
Er
hatte eine Jeans und einen dünnen Pullover an, hätte er wenigstens
noch seine zerrissene Jacke vom vorherigen Jahr angezogen.
Seine
Gedanken wurden unterbrochen, als sich plötzlich die Tür öffnete
und Patrick ihn mit einem verschmitzten Lächeln hereinbat.
Seine
Mutter kam auch, blieb aber erschrocken stehen, als sie Alexander sah:
"Du holst dir ja eine schlimme Erkältung.
Geh
mal schnell mit Patrick hoch.
Vielleicht
finde ich noch einen alten Skianzug von ihm, der dir passt." und
schon war sie wieder verschwunden.
Patrick
führte Alex die Treppe hoch.
Alexanders
Augen wurden immer größer.
Und
als er erstmal Patricks Zimmer sah, kam er aus dem Staunen nicht mehr
heraus.
So
viele Spielsachen!
Vor
allem das Dreirad gefiel ihm und er drehte ein paar Runden in dem
großen Raum.
Wenig
später rief die Mutter nach ihnen und Alex musste sich von den Sachen
losreißen.
Er
warf noch einen sehnsüchtigen Blick auf das Dreirad, als Patrick
fragte: "Hast du kein Dreirad?"
Traurig
antwortete Alex: "Nein, leider nicht".
"Du
kannst es haben.
Ich
brauche es nicht mehr.
Ich
hab ja noch ein größeres in der Garage."
Patrick
freute sich als er sah, wie Alex strahlte.
Alexander
nahm das Dreirad und rannte überglücklich mit Patrick die Treppe
hinunter.
Unten
stand Patricks Mutter und hielt einen dicken Skianzug in ihren
Händen: "Na, gefällt er dir?"
Oh
ja, der gefiel Alex, und wie!
Das
wurde ein aufregender Tag.
Frau
Hartmann hatte warmen Punsch und leckere Plätzchen eingepackt und
begleitete sie zum Hang.
Zwischendurch
machten die Drei kleine Pausen und ließen es sich
schmecken.
Als
Alex abends zuhause ankam, hatte er mehr erlebt, wie in seinem ganzen
Leben bisher (fand er jedenfalls).
Schnell
versteckte er seine neuen Sachen, bevor sein Vater wieder betrunken
nach Hause kommen und irgendwas damit anstellen könne.
Als
er unter seine Bettdecke schlüpfte, dachte er nach. -
Warum haben
Hartmanns so ein großes Haus und wieso ist Patricks Mutter so nett?
Warum
schlägt mich Vater so oft.
Warum?
-
Aber
Alex machte sich nichts daraus.
Patrick
war sein Freund, der Rest war ihm egal.
***
Im
Kindergarten verging die Zeit wie im Fluge.
Die
Winter kamen und gingen.
Jedes
Jahr rodelten die Freunde zusammen.
Inzwischen
waren beide sechs Jahre alt und sollten nach den Ferien eingeschult
werden.
Im
August war es soweit und die aufgeregten Kinder mussten zur Schule.
Obwohl
Alex nie viele Geschenke bekam, hatte er eine kleine Schultüte in der
Hand.
Er
freute sich sehr, doch als er die großen Schultüten der anderen sah,
fühlte er, wie sich seine Augen mit Tränen füllten.
Wütend
schluckte er den Kloß in seinem Hals hinunter. -
Nein, ich lasse
mich nicht unterkriegen!
- Entschlossen
packte er seine Schultüte und gesellte sich zu Patrick.
Obwohl
der natürlich die größte von allen hatte, freute Alex sich, ihn zu
sehen.
Es
war immerhin sein bester Freund und es war auch klar, dass sie später
nebeneinander in dem großen Schulzimmer sitzen werden.
Die
Lehrerin Frau Schürmann wird vorne stehen und irgendetwas zu den
Klassenregeln und den Hausaufgaben erklären. -
Das würde ja gut
anfangen! -
dachte Alexander.
***
Schon
bald merkte Patrick, dass Alex öfters gehänselt wurde.
Im
Gegensatz dazu versuchte jeder sein bester Freund zu sein.
Kam
das vielleicht daher, dass Alexanders Familie wenig Geld hatte und sie
so viel?
Als
Patricks Vater abends nach Hause kam sprach Patrick mit ihm darüber.
"Weißt
du", antwortete sein Vater, "nicht jeder hat es so gut wie
wir.
Dein
Freund kann sicher nichts dafür, obwohl er deswegen gehänselt wird.
Ich
finde, du solltest Alex helfen und sein bester Freund
bleiben."
In
dieser Nacht konnte Patrick nicht schlafen. -
Wieso ist alles
so unfair, auf dieser Welt? -
Vier
Jahre später war es eigentlich schon klar, dass Alexander und Patrick
zwei verschiedene Wege gehen würden.
Patrick,
der mit einer ausgezeichneten Leistung abschloss, konnte auf das
Gymnasium.
Seine
Eltern meldeten ihren Sohn in einem Internat in Stuttgart an.
Alexander
musste auf die Hauptschule.
Trotz
dieser Trennung trafen sich die beiden regelmäßig in den
Ferien.
Gerade
als Alexander seinen Hauptschulabschluss absolviert hatte, starb seine
Mutter.
Das
Letzte, was Patrick von ihm hörte, war, dass Alex einen Job am
Fließband fand.
Von
dem verdienten Geld konnte er gerade leben.
Patrick
dachte an das Thema "Eine Welt - Ungleiche Welt" aus Erdkunde.
Ihr
Lehrer hatte damals gesagt: "
In Deutschland hat jeder Bürger
die gleiche Chance einen sehr guten Job zu
bekommen
"
-
Passt das etwa
zusammen? -
überlegte Patrick. -
Hat Alex seine
Chance schon verspielt? -
Ein
paar Jahre später und Patrick hatte Alex schon ganz vergessen.
Er
war mit seinem BWL- und VWL-Studium genug beschäftigt.
***
Als
Patrick mit seinem Studium fertig war, bewarb er sich bei einer
Computerfirma.
Wenig
später wurde er als Produktmanager eingestellt.
Er
verlobte sich mit einer attraktiven jungen Frau.
Nach
der Heirat bekam er ein Angebot von VW, wo seine Frau arbeitete.
Die
Sache war bald geklärt.
Jetzt
arbeitete Patrick bei VW und hatte eine gute Position in der
Verwaltung bekommen.
Schon
bald wohnte er mit seiner Familie, die nun aus drei Köpfen bestand,
in einem riesigen Haus.
In
der großräumigen Garage standen ein Porsche Carera und ein VW
Multivan.
Der
große Garten, in dem Patrick, wenn er überhaupt noch Zeit hatte,
relaxte, hatte einen großen Teich.
Nach
einigen Jahren sollte seine Frau jedoch nach Wolfsburg versetzt
werden.
Sie
überlegten lange, ob sie umziehen sollten, entschieden sich dann
aber, zu kündigen und sich bei Daimler zu bewerben.
Wie
erwartet wurde das Ehepaar eingestellt.
Patrick
war jetzt für das ganze Personal im Standort Stuttgart zuständig.
Er
verdiente bald viel Geld.
***
Zur
gleichen Zeit lag Alexander im Katharinenhospital.
Er
hatte nur noch eine Hand.
Als
ihm vor zwei Monaten die Hand in eine Maschine geriet, wurde diese so
arg zerdrückt, dass sie amputiert werden musste.
Nach
ein paar Tagen erhielt er bereits eine Kündigung.
Man
konnte ihn mit einer Hand natürlich nicht mehr
gebrauchen.
Seine
Frau, die er in seinen ersten Jahren bei der Firma kennen lernte,
arbeitete in einer Schneiderei, verdiente aber nicht besonders
gut.
Oft
musste Alexander an Patrick denken.
Er
hatte schon ganz vergessen, wie dieser aussah.
Nur
noch an seine nette Stimme erinnerte er sich.
Mit
einem Lächeln im Gesicht dachte der sonst müde aussehende Mann an
die Winter, in denen sie zusammen Schlittenfahren gegangen
waren. - Was
Patrick wohl gerade machte? Geht es ihm besser als mir?
- überlegte
Herr Schultz oft.
In
letzter Zeit war aber immer seltener ein Lächeln auf Herr Schultzes
Gesicht zusehen.
Er
hatte viel arbeiten müssen, damit das Geld gut zum Überleben
reichte.
Aber
was sollte er machen, wo er jetzt doch nur noch eine Hand
hatte?
Er
hatte sich in den letzten Tagen schon öfters den Kopf darüber
zerbrochen.
Heute
begriff er, dass die Lage für seine Familie sehr schlecht war.
Wie
sollte er denn einen Job finden?
Am
Tage seiner Entlassung machte Herr Schultz sich gleich auf die Suche
nach einem Arbeitsplatz.
Nach
einem Monat ergebnisloser Suche rief er bei Daimler an.
Vielleicht
hatten sie noch einen Platz für ihn frei.
Einige
Minuten Wartezeit, dann meldete sich am anderen Ende der Leitung eine
kräftige Stimme: "Daimler AG.
Hartmann.
Was
kann ich für Sie tun?"
"Alexander
Schultz.
Guten
Tag".
Patrick
stutzte. -
Alexander
Schultz?
Irgendwie
kam ihm der Name bekannt vor.
Komisch.
-
"Ich
suche eine Stelle", sprach Alex weiter.
"Ich
habe aber nur eine Hand."
"Nur
eine Hand?
Das
ist aber traurig", antwortete Patrick und überlegte still.
- Eine Hand.
Da
kenn ich niemanden. -
"Was haben
Sie denn für eine Ausbildung?"
"Keine
Ausbildung.
Angelernte
Hilfskraft.
Hauptschulabschluss."
"Das
sieht bei uns schlecht aus.
Tut
mir leid", antwortete Patrick höflich.
"Ich
brauche dringend einen Job.
Was
ist mit meiner Familie?"
Verzweifelt
versuchte Alexander es noch einmal.
"Da
ist leider nichts zu machen.
Tut
mir aufrichtig leid.
Auf
Wiederhören.", entgegnete Patrick und legte auf. -
Woher kenne ich
Herrn Schultz wohl?
- überlegte
Patrick. - Das
ist ja auch egal.
Wir
haben nun mal keinen Platz für ihn. -
Als
Alexander eines Abends wieder erfolglos nach Hause zurückkam, waren
seine Frau Ilse und seine Kinder weg.
Auf
dem Küchentisch lag ein Zettel:
"Schau
wie du ohne uns zurechtkommst.
Auf
Nimmerwiedersehen.
Ilse"
Wütend
zerriss Alex den Zettel.
Er
kramte das letzte Geld hervor und rannte damit verzweifelt zur
nächsten Kneipe. -
Nur weg von hier
- dachte
er.
Nach
Mitternacht torkelte Alex aus der Kneipe.
Wenig
später lag er auf dem Boden in seinem Haus.
So
fand seine Schwester ihn auch auf, als sie ihn drei Tage später
besuchen wollte.
Sie
hatte von seinen Sorgen gehört und hatte ihm eine Arbeitsstelle
besorgt.
Heute
wollte sie ihm die gute Nachricht überbringen.
Erschrocken
blieb sie einige Sekunden vor dem toten Bruder stehen.
Dann
schwankte sie zum Telefon.
***
Ein
paar Tage später überflog Herr Hartmann wie jeden Morgen die Zeitung
und schlang sein Frühstück hinunter.
Als
er die Zeitung beiseite legte, flatterte eine Seite auf den
Boden.
Genervt
hob Patrick sie auf. -
Todesanzeigen.
Auch
das noch. -
dachte er. - Aber
halt! Alexander Schultz?
Woher
kenne ich den noch mal?
Ach
ja, das war der, der einen Job suchte.
Hauptschulabschluss.
Pah!
Was
steht hier denn noch?
Geboren
am 21.8.1986 in Eisenhut.
Was?
- Erstaunt hob
Herr Hartmann seine Augenbrauen. -
Da bin ich doch
auch geboren.
Sogar
im gleichen Jahr! -
Patrick las
weiter: - In
tiefer Trauer.
Maike
und die ganze Familie.
- Erschrocken
flüsterte er: "Maike?
So
hieß doch auch Alexanders Schwester.
Aber
das
das kann nicht sein.
Ihm
wurde ganz schwindlig: So hieß die Schwester von meinem besten
Freund.
Er
hieß
Alexander Schultz."
Patricks
Gesicht wurde immer bleicher. -
Das
glaub ich
nicht
Nein!
Hätte
ich ihm nur diesen dämlichen Job gegeben.
- Herr Hartmann
konnte es nicht fassen.
Sein
bester Freund war tot.
War
es überhaupt sein bester Freund?
An
diesem Tag merkte wohl jeder in der Firma, dass mit Patrick etwas
nicht stimmte.
Die
ganze Zeit musste er an Alexander denken. -
Beerdigung am 18.
November um 13 Uhr auf dem St. Johann Friedhof. -
ist noch dabei
gestanden.
Eigentlich
fühlte sich Herr Hartmann verpflichtet, dort hinzugehen.
Aber
irgendwie schämte er sich auch.
Am
18. November, es war ein Sonntag, schlich Patrick schweren Herzens aus
dem Haus.
Er
stieg in seinen VW ein und tippte sein Ziel in das GPS-Gerät
ein.
Nach
einer Viertel Stunde tönte aus dem Lautsprecher: "St. Johann
Friedhof.
Sie
haben ihr Ziel erreicht."
Wenig
später saß er in der letzten Reihe der St. Johann-Kapelle.
Vorne
sah er Alexanders Schwester Maike sitzen, sonst kannte er niemanden.
Still
hörte er sich den Gottesdienst an.
Danach
gingen alle zum Grab.
Auch
er.
Etwas
abseits stehend hörte Herr Hartmann sich die Rede des Predigers an:
"
wir gedenken hiermit dem verstorbenen Alexander Schultz.
Geboren
am 21.8.1986 in Eisenhut, gestorben mit 38 Jahren am 16.11.2024 in
Stuttgart.
Denn
der Staub muss wieder zu Erde kommen, wie er gewesen ist, und der
Geist wieder zu Gott, der ihn gegeben hat."